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Amplifon übernimmt GN Hearing: 17 Milliarden Kronen Deal erschüttert die Hörgerätebranche

Der italienische Hörakustik-Gigant Amplifon hat sich den Hörgerätebereich des dänischen Technologiekonzerns GN Store Nord gesichert. Der Kaufpreis liegt bei 17 Milliarden dänischen Kronen, umgerechnet rund 2,28 Milliarden Euro. Ein Deal dieser Größenordnung ist selten in der Hörakustikbranche und dürfte weit über die Unternehmensgrenzen hinaus Wirkung entfalten – vor allem für unabhängige Hörakustik-Unternehmen und Endkunden. Und letztlich hat dieser Move durchaus das Potential, ein weiterer, bedeutender Wendepunkt der Branche zu werden: Wennein globaler Filialist plötzlich zum Hörgerätehersteller wird, verändert das schließlich die Kräfteverhältnisse im Markt. Und wenn die Grenzen zwischen Hersteller und Händler nun endgültig verschwimmen, dürfte das den Wettbewerb in den kommenden Jahren spürbar verändern.

Amplifon übernimmt GN Hearing

GN Hearing geht an Amplifon: Milliardenverkauf mit Signalwirkung

Wie der Konzern mitteilte, hat Amplifon eine Vereinbarung zur Übernahme der gesamten Hearing-Sparte von GN Store Nord unterzeichnet. Die Transaktion erfolgt auf Basis eines sogenannten Cash-free und Debt-free Modells und bewertet das Geschäft mit 17 Milliarden dänischen Kronen, also rund 2,28 Milliarden Euro. Nach Bekanntgabe lag die Aktie von GN Hearing mit 35 Prozent im Plus. Amplifon verlor erwartungsgemäß um knapp 10 Prozent. Mit dem Verkauf der Hörsparte trennt sich GN Store Nord von einem Geschäft, das zuletzt sogar zu den profitabelsten Bereichen des Konzerns gehörte. Ein strategischer Paukenschlag?

Zum Paket gehören bekannte Marken wie ReSound, Beltone, Interton und Danavox. Sie stehen seit Jahrzehnten für Hörgerätetechnologie aus Dänemark und gehören zu den etablierten Herstellern im internationalen Markt. Der Kaufpreis spiegelt das enorme Potenzial wider, das in GN Hearings Pipeline steckt, darunter auch OTC-Geräte und KI-gestützte Lösungen.

Bislang war GN Store Nord einer der großen unabhängigen Hersteller der Branche. Das Unternehmen blickt auf eine lange Geschichte zurück und produziert seit dem 19. Jahrhundert Audiotechnologie. Bemerkenswert ist allerdings der Zeitpunkt des Verkaufs. Die Hörsparte galt innerhalb des Konzerns zuletzt als Wachstumstreiber. 2024 erzielte sie einen Umsatz von rund 7,1 Milliarden Kronen und eine operative Marge von über 30 Prozent.

GN Hearing zieht sich aus der Hörgerätesparte zurück: warum ausgerechnet jetzt?

Offiziell dürfte die strategische Fokussierung eine Rolle spielen. Branchenbeobachter vermuten jedoch, dass GN sich stärker auf andere Geschäftsbereiche konzentrieren will, etwa auf Audio und Gaming. Gleichzeitig dürfte Amplifon die Chance gesehen haben, sich erstmals direkten Zugang zu eigener Hörgerätetechnologie zu sichern.

Der Filialist wird zum Hersteller

Mit der Übernahme macht Amplifon einen Schritt, der in der Hörgeräteindustrie lange als Tabubruch galt. Der weltweit größte Hörakustikfilialist integriert erstmals einen eigenen Hersteller in seine Wertschöpfungskette. Bis zur Übernahme von AudioNova durch Sonova vor gut 10 Jahren war das Geschäftsmodell klar getrennt: Hersteller entwickeln Hörgeräte und liefern sie an den Fachhandel, während Filialketten und unabhängige Hörkustiker sie an Endkunden verkaufen. Diese Rollen verschwammen nun zunehmend – mehr oder weniger geräuschlos, jedoch auch mit Folgen: Unabhängige Hörakustiker waren den Marken gegenüber kritischer eingestellt und nahmen sie teils aus ihrem Sortiment.

Amplifon könnte künftig nicht nur Vertriebskanal, sondern auch Produktanbieter sein. Damit würde der Konzern über die komplette Kette verfügen: Entwicklung, Produktion, Marke und Retail. Für viele Marktteilnehmer dürfte das eine neue strategische Realität schaffen.

Parallelen zum KIND-Deal

Der Schritt kommt nicht aus dem Nichts. Erst kürzlich hatte Demant, Mutterkonzern der Marke Oticon, den deutschen Filialisten Kind übernommen. Der Kaufpreis lag bei rund 700 Millionen Euro. Auch dort verschmolzen Hersteller und Einzelhandel in größerem Maßstab. Mit der Amplifon-GN-Transaktion setzt sich dieser Trend nun fort, allerdings in umgekehrter Richtung: Ein Händler kauft einen Hersteller. Die Branche bewegt sich damit offenbar auf ein neues Modell zu, in dem vertikal integrierte Konzerne zunehmend an Einfluss gewinnen.

Amplifon wird Hersteller: Was bedeutet das für den deutschen Markt?

Für Deutschland könnte der Deal erhebliche Konsequenzen haben. Der Markt ist traditionell stark von unabhängigen Hörakustikern geprägt. Gleichzeitig wächst der Filialisierungsgrad seit Jahren. Sollte Amplifon künftig Hörgeräte aus eigener Produktion vertreiben, könnte sich die Wettbewerbssituation deutlich verändern. Denkbar wäre beispielsweise, dass Amplifon besonders aggressive Preisstrategien mit eigenen Marken fährt. Mit einem integrierten Hersteller ließen sich Margen anders kalkulieren als mit Fremdprodukten.

Für unabhängige Hörakustiker stellt sich zudem eine strategische Frage. Bisher gehörten ReSound und die anderen GN Marken für viele Betriebe zum festen Sortiment. Wenn diese Produkte künftig einem direkten Retailkonkurrenten gehören, könnten einige Akustiker ihre Sortimentsstrategie überdenken. Ein ähnlicher Effekt ist bereits nach der Übernahme von KIND durch Demant diskutiert und umgesetzt worden. Auch dort wurde spekuliert, ob unabhängige Hörkustiker langfristig weniger Oticon Produkte führen könnten, weil sie nicht indirekt einen Filialkonkurrenten stärken möchten. Es gibt daher einige Marken, die wiederum von dieser Entwicklung profitieren könnten.

Mehr Konzentration im Herstellermarkt

Neben den Vertriebseffekten hat der Deal auch strukturelle Folgen. Die Zahl der großen unabhängigen Hörgerätehersteller könnte weiter sinken. Die Branche ist ohnehin stark konsolidiert. Wenige internationale Konzerne dominieren den Markt. Wenn nun auch noch Hersteller in Retailstrukturen integriert werden, verschieben sich die Machtverhältnisse weiter. Für unabhängige Hörakustiker könnte das mittelfristig weniger Auswahl bedeuten. Gleichzeitig wächst die Verhandlungsmacht großer Konzerne gegenüber dem Fachhandel.

Fazit zur Übernahme von GN Hearing durch Amplifon

Der Verkauf der GN Hörsparte an Amplifon ist weit mehr als ein normaler Unternehmensdeal. Er markiert einen strategischen Paradigmenwechsel in der Hörgeräteindustrie. Mit Amplifon steigt erstmals ein globaler Filialist zum Hersteller auf. Nach der Demant Kind Übernahme entsteht damit ein Markt, in dem Hersteller und Retail immer stärker verschmelzen. Für unabhängige Hörakustiker könnte das langfristig heikel werden. Wenn große Filialisten eigene Geräte produzieren und gleichzeitig im Markt aggressiv auftreten, verschiebt sich das Kräfteverhältnis deutlich.

Quellen:

https://www.gn.com/newsroom/announcement?id=3256006&lang=en&date=20260316&title=gn-store-nord-a-s-enters-into-agreement-to-sell-its-hearing-business-to-amplifon-s-p-a-for-dkk-17-0-billion

https://de.marketscreener.com/boerse-nachrichten/gn-store-nord-verkauft-hearing-fuer-17-milliarden-daenische-kronen-an-amplifon-ce7e5edadb8bf52c