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Online-Anpassung bei Hörgeräten: Mr. Hear und audibene als TK-Partner – Revolution oder Rechtsstreit?

Vor eineinhalb Jahren kündigte die Techniker Krankenkasse, Deutschlands größte gesetzliche Krankenkasse mit 12,3 Millionen Versicherten, eine Online-Anpassung von Hörgeräten an. Die Branche wartete gespannt – doch viel ist seither nicht passiert. Audibene war von Anfang an als Partner dabei und setzt auf Hörakustik-Fachbetriebe, während Mr. Hear als neuer Berliner Player digitale Versorgung wahlweise mit Fachbetrieben oder HNO-Praxen verknüpft. 2026 könnte ein Gericht entscheiden, ob das Modell Bestand hat.

Die TK-Vision und der Branchenwiderstand

Jakob Stephan Baschab

Die Techniker Krankenkasse wollte mit ihrer Online-Anpassung Hörgeräteversorgung flexibler gestalten: Auswahl, Bestellung und Feinjustierung weitgehend digital, ohne viele Termine beim Hörakustiker. Das Versprechen klang verlockend – vor allem für eine junge, digitale Klientel. Doch die Bundesinnung der Hörakustiker sieht das anders. Jakob Stephan Baschab, Hauptgeschäftsführer der biha, bringt es auf den Punkt:

„Wir halten die Verträge der TK als unzulässig. Wir wissen, dass sich die Gerichte mit dem Thema schon beschäftigen. Wir rechnen mit einer ersten Entscheidung in 2026. Ob diese dann abschließend sein wird, bleibt auch abzuwarten.”

Audibene und Mr. Hear: Unterschiedliche TK-Partner im digitalen Einsatz

Audibene, von Beginn an Partner des TK-Angebots, arbeitet mit Hörakustik-Fachbetrieben, die auch in diesem digitalen Modell eine zentrale Rolle spielen – ironischerweise gerade in einem Ansatz, der den klassischen Hörakustiker vor Ort – aka. dessen persönliche Beratung und Beziehung – obsolet machen könnte. Mr. Hear hingegen bietet Flexibilität: Digitale Versorgung per Video, wahlweise mit Partner-Fachbetrieben oder HNO-Praxen. In mehreren Bundesländern richte Mr. Hear Arbeitsplätze in HNO-Praxen ein, wo über ein Arztportal Auswahl und Bestellung gemeinsam abliefen. Die Feinanpassung erfolge digital, aus der Praxis heraus.

Besonders kritisch wird es, dass bei Mr. Hear auch Hörberater am Anpassungsprozess beteiligt sind, wie das Unternehmen auf seiner Webseite darstellt. Die fachliche Verantwortung trage Hörakustiker-Meister Erik Foth, unterstützt von zwei weiteren Meistern. Ein Team aus Hörakustikern, Gesellen und Beratern sorge für Betreuung, Nachjustierung und Logistik. Medizinische Indikation bliebe stets bei HNO-Ärzten. So solle Komfort und Struktur entstehen, ohne den Arzt zu umgehen.

Parallelen zur Augenoptik: Der Fall brillen.de als Warnsignal

Der Ansatz erinnert auffällig an die Remote-Refraktion in der Augenoptik, die kürzlich vor Gericht scheiterte. Brillen.de hatte Sehtests und Refraktionsbestimmungen weitgehend per Video und automatisierten Systemen angeboten – ohne direkten Kontakt zum Augenoptiker oder Augenarzt vor Ort. Das Unternehmen argumentierte mit Effizienz und moderner Technik: Kunden könnten Brillen online bestellen, die Refraktion zentral auswerten lassen.

Gerichte sahen das anders. Sie stellten fest, dass die Refraktion als medizinischer Prozess nicht beliebig digitalisiert werden dürfe. Persönliche Untersuchungen, fachliche Beratung und die Verantwortung eines qualifizierten Optikers seien zwingend erforderlich. Brillen.de musste umsteuern, das Modell einstellen. Für die Hörakustik könnte das ein deutliches Warnsignal sein: Auch hier könnten TK-Verträge und die Modelle von audibene sowie Mr. Hear an ähnliche Hürden stoßen – etwa wenn Gerichte persönliche Anpassung oder die alleinige Verantwortung von Hörakustikern als unverzichtbar erachten.

Branchenperspektive: Schwebezustand mit offenen Fragen

Bis dahin bleibt die Hörakustikbranche in einem Schwebezustand. Manche Betriebe beobachten die Entwicklungen gelassen und setzen auf ihre bewährte Beratungs- und Anpassungsqualität, andere blicken mit Sorge auf mögliche Marktverschiebungen, falls Onlineanbieter und Krankenkassen sich durchsetzen sollten beziehungsweise deren Patienten mit solchen Angeboten verunsichern, gar die Versorgung im Fachgeschäft in Frage stellen oder aber für Nachfragen im Fachgeschäft sorgen.

Die Debatte um die Balance zwischen digitalem Komfort und handwerklicher Präzision wird die Branche prägen – unabhängig vom Gerichtsurteil. Am Ende geht es um die für Schwerhörige beste Hörgeräteversorgung: Hören als Lebensqualität, Teilhabe und Kommunikation, wo das Fachhandwerk jeden Tag seinen Wert beweist. Ob die TK-Onlineanpassung ein Experiment mit Zukunft wird oder ein Lehrstück über Digitalisierungsgrenzen bleibt, zeigen die Gerichte.

Fazit: Gerichte entscheiden über die Zukunft

Die Online-Anpassung verspricht Effizienz, stößt aber an Grenzen von Qualität und Recht. Audibene und Mr. Hear als TK-Partner verfolgen unterschiedliche Wege und sicher die gleichen Ziele, doch die Verträge bleiben umstritten. Eine Entscheidung 2026 könnte Klarheit schaffen – oder die Debatte erst richtig anheizen. Digitale Möglichkeiten in die Versorgung zu integrieren ist grundsätzlich sicher spannend und zukunftsweisend für die Kundenerfahrung und Versorgungsqualität, solange sie den handwerklichen Kern der Hörgeräteversorgung nicht untergraben.