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Forschung: Tinnitus verursacht synaptische Veränderungen im gesamten Gehirn

Eine aktuelle Untersuchung aus China deutet darauf hin, dass Tinnitus – das Wahrnehmen eines dauerhaften oder wiederkehrenden Ohrgeräuschs – mit messbaren Veränderungen an den Verbindungen zwischen Nervenzellen (Synapsen) im Gehirn zusammenhängt. Mit einer speziellen Bildgebung konnten Forscher Unterschiede feststellen, die je nach Krankheitsdauer variieren. Einfach gesagt: Tinnitus könnte das Gehirn verändern.

Besteht ein Zusammenhang zwischen Tinnitus und synaptischen Veränderungen im Gehirn?
Bildquelle: © KOMMERS / Unsplash

Veränderte Synapsendichte bei chronischem Tinnitus

Das Forschungsteam um JiaYu Zhong setzte eine besondere Form der Positronen-Emissions-Tomografie (PET) ein. Dabei wird ein Stoff namens ¹⁸F-SynVesT-1 verwendet, der sich an bestimmte Eiweiße in Synapsen bindet und so Rückschlüsse auf deren Dichte erlaubt. Untersucht wurden 28 Personen mit Tinnitus und 24 ohne. Neben dieser Methode kamen auch andere bildgebende Verfahren wie MRT, EEG und ein herkömmlicher PET-Scan zur Stoffwechselmessung zum Einsatz. Das Ergebnis: Menschen mit lang bestehendem (chronischem) Tinnitus zeigten in 14 Gehirnregionen eine erhöhte Synapsendichte, vor allem in Bereichen, die für Hören, Gefühle und Denken wichtig sind. Bei chronischem Tinnitus scheinen sich also an vielen Stellen im Gehirn zusätzliche Nervenzellen-Verbindungen zu bilden.

Akuter Tinnitus zeigt den umgekehrten Trend

Bei Personen mit erst seit kurzer Zeit bestehendem (akutem) Tinnitus fanden die Forschenden hingegen weniger Synapsen in fünf Hirnregionen. Dies könnte bedeuten, dass das Gehirn zunächst Verbindungen verliert und erst später versucht, dies durch neue zu ersetzen. Außerdem zeigte sich: Je stärker die Belastung durch den Tinnitus, desto geringer war die Synapsendichte in bestimmten Bereichen, die mit Gefühlen und Stressbewältigung zu tun haben. Kurz gesagt: Akuter Tinnitus geht oft mit einem Abbau von Verbindungen einher, der bei längerem Bestehen wieder ausgeglichen werden könnte.

Tinnitus: Veränderungen im gesamten Gehirnnetzwerk

Neben den Messungen der Synapsen untersuchten die Forschenden auch die Zusammenarbeit verschiedener Gehirnregionen. Besonders in der akuten Phase war die Kommunikation zwischen diesen Bereichen stärker – ein Hinweis darauf, dass das Gehirn auf das ständige Geräusch mit einer Art „Umstrukturierung“ reagiert. EEG-Messungen bestätigten, dass sich bei Tinnitus die Aktivität in großen Netzwerken verändert. Tinnitus betrifft also nicht nur das Hörzentrum, sondern kann die Arbeitsweise des gesamten Gehirns beeinflussen.

Bedeutung für Forschung und Behandlung

Die Studie liefert erstmals direkte Hinweise am lebenden Menschen, dass sich bei Tinnitus die Verbindungen zwischen Nervenzellen gezielt verändern. Damit stützt sie neue Theorien, die Tinnitus nicht als festen Zustand, sondern als Folge von Anpassungsprozessen im Gehirn sehen. Das könnte langfristig helfen, neue Therapien zu entwickeln, die direkt an der Funktionsweise von Synapsen ansetzen. Tinnitus ist somit nicht nur ein Ohrproblem, sondern auch eine Frage der Gehirnvernetzung.

Die Ergebnisse sprechen dafür, Tinnitus nicht allein als Hör- oder psychisches Problem zu betrachten, sondern auch als Erkrankung mit messbaren, fortschreitenden Veränderungen im Gehirn. Werden diese Veränderungen genauer verstanden, könnte das zu gezielteren und wirksameren Behandlungsmöglichkeiten führen. Kurz gesagt: Ein besseres Verständnis der Gehirnveränderungen könnte die Therapiechancen deutlich verbessern.

Hinweis: Die vorgestellte Studie ist ein sogenannter Preprint, also eine Vorabveröffentlichung, die noch nicht von Fachkollegen geprüft wurde. Die Ergebnisse sind daher als vorläufig zu betrachten.

Zur Preprint Studie: JiaYu Zhong et al. “Direct Evidence for Synaptic Density Changes in Tinnitus: 18f-Synvest-1 Pet Reveals Novel Targets Beyond Metabolic Changes” [Juli 2025]