Hörverlust gilt als einer der wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren für kognitiven Abbau. Eine aktuelle Studie legt nun nahe, dass eingeschränktes Hörvermögen über Sprachverstehen hinausgeht: Bei älteren Menschen mit milder kognitiver Beeinträchtigung scheint es die Fähigkeit zu beeinträchtigen, gleichzeitig zu gehen und zu denken – eine zentrale Dual‑Task‑Leistung. Das hat unmittelbare Relevanz für Gangstabilität, Sturzprävention, funktionelle Selbstständigkeit und für die Praxis der Hörakustik.

Hörverlust und kognitive Leistung: Wie Hören Alltagsmobilität beeinflusst
Die Analyse basiert auf Daten der SYNERGIC-Studie mit 75 Teilnehmenden im Alter zwischen 60 und 85 Jahren, die alle eine milde kognitive Beeinträchtigung aufwiesen. Untersucht wurde die sogenannte Dual-Task-Leistung, also die Fähigkeit, motorische und kognitive Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen. Typische Tests bestanden etwa darin, während des Gehens rückwärts zu zählen oder Tiernamen zu nennen.
Bereits zu Studienbeginn zeigte sich ein klarer Zusammenhang zwischen Hörverlust und kognitiver Leistung: Personen mit schlechterem Hörvermögen schnitten deutlich schlechter ab, gingen langsamer und wiesen eine höhere Gangvariabilität auf. Diese Defizite waren besonders ausgeprägt bei Personen, die zusätzlich niedrigere kognitive Testwerte aufwiesen.
Hörverlust und Dual-Task: Warum Gehen und Denken sich erschweren
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Hörverlust die kognitive Belastbarkeit erhöht, sobald ältere Menschen gleichzeitig gehen und denken müssen. Die Forschenden vermuten, dass ein großer Teil der verfügbaren kognitiven Ressourcen dafür aufgewendet wird, mündliche Informationen unter Hintergrundgeräusch zu verstehen, sodass weniger Kapazität für die Steuerung des Gangs bleibt.
Unter Dual-Task-Bedingungen fiel die Gangstabilität daher deutlich stärker ab als bei gleich guter Mobilität unter Ruhebedingungen. Besonders betroffen waren Personen mit bereits eingeschränkter kognitiver Leistung, was für Fachkreise der Hörakustik deutlich macht, wie eng Hördiagnostik und Alzheimer‑Risikoprofile miteinander verbunden sein können.
Training und kognitive Leistung: Verbessert Fitnesstraining Gangstabilität trotz Hörverlust?
Ein zentraler Teil der Untersuchung war die Frage, ob gezielte Interventionen die negativen Effekte von Hörverlust und kognitiver Beeinträchtigung teilweise ausgleichen können. Die Teilnehmenden wurden über 20 Wochen unterschiedlichen Trainingsprogrammen zugeteilt: eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining sowie kognitiven Übungen, reines körperliches Training oder eine Placebo-Intervention.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass insbesondere das kombinierte Multi-Domain-Training positive Effekte auf die Gangstabilität zeigte. Besonders Personen mit stärkerem Hörverlust und eingeschränkter kognitiver Leistung profitierten deutlich, etwa bei der Schrittzeitvariabilität als wichtiger Kenngröße für Sturzrisiko und funktionelle Mobilität.
Geschlecht, Hörverlust und Dual-Task: Wer profitiert am meisten vom Training?
Überraschend war, dass der Zusammenhang zwischen Hörverlust und kognitiver Leistung geschlechtsspezifisch variierte. Zu Studienbeginn stand schlechtes Hören bei Männern klarer mit eingeschränkter Dual-Task-Leistung in Verbindung. Frauen mit milder kognitiver Beeinträchtigung zeigten hingegen weniger ausgeprägte Defizite. Im Verlauf der Intervention profitierten Männer mit objektiv schlechterem Hörvermögen besonders stark vom kombinierten Training.
Frauen hingegen profitierten eher von der Art der Hörmessung: Teilnehmerinnen mit gutem objektivem Hörvermögen verbesserten sich vor allem im Multi-Domain-Training, während jene mit subjektiv wahrgenommenen Hörproblemen in allen Gruppen Fortschritte erzielten. Für die Hörakustik legt dies nahe, objektive und subjektive Hördiagnostik gezielt zu differenzieren.
Sturzprävention und Demenzrisiko im Kontext von Hörverlust
Die Fähigkeit, gleichzeitig zu gehen und zu denken, gilt als wichtiger Marker für funktionelle Selbstständigkeit im Alter. Einschränkungen in diesem Bereich erhöhen das Sturzrisiko und stehen mit einem beschleunigten kognitiven Abbau in Verbindung. Vor diesem Hintergrund gewinnt Hörverlust eine neue Bedeutung: Er erscheint nicht nur als isoliertes sensorisches Problem, sondern als Faktor, der zentrale Alltagsfunktionen beeinflusst.
Die Studienautoren weisen darauf hin, dass die beobachteten Effekte bereits im Vorstadium einer Demenz auftreten, was für die Hörakustik die Bedeutung frühzeitiger Interventionen unterstreicht. Nicht‑medikamentöse Ansätze wie Bewegungstraining und kognitive Übungen könnten den Funktionsverlust bei Menschen mit Hörverlust und milder kognitiver Beeinträchtigung möglicherweise verlangsamen.
Starkey berücksichtigt Balance und Sturzrisiko bei Omega AI
In diesem Kontext gewinnt auch die technologische Entwicklung an Bedeutung: Mit Omega AI treibt der Hersteller Starkey laut Unternehmensangaben den Ansatz eines „Super Human Hearing“ weiter voran und verknüpft Audiologie systematisch mit Health-Tech-Anwendungen (wie wir bereits berichteten). Ziel sei es, Hörsysteme nicht nur als Hörlösung, sondern gewissermaßen als Plattform für Gesundheit und Wohlbefinden zu positionieren.
Dazu zählen Funktionen wie Sturzalarm sowie der sogenannte „Balance Builder“, ein Trainingsansatz zur Verbesserung von Gleichgewicht und Mobilität. Dabei analysieren integrierte Sensoren Bewegungsabläufe und stoßen gezielte Übungen an, um Stürzen vorzubeugen. Der Gedanke dahinter: Bereits einfache Bewegung könne positive Effekte auf Herz-Kreislauf-System, Gleichgewicht und allgemeine Fitness haben und damit auch das Risiko für Folgeerkrankungen reduzieren.
Wie auch diese Studie ein weiteres Mal nahelegt, scheinen Hörverlust und kognitive Leistung im Alter ein komplexes Gefüge zu bilden, das weit über das reine Sprachverstehen hinausreicht. Die Studie zeigt, dass gezielte Trainingsprogramme Defizite bei Dual-Task-Fähigkeit und Gangstabilität teilweise kompensieren können, insbesondere bei Personen mit stärkerem Hörverlust und eingeschränkter kognitiver Leistung.
Eine differenzierte Hördiagnostik sollte künftig nicht nur für die Anpassung von Hörsystemen, sondern auch für die Einschätzung funktioneller Risiken im Alltag genutzt werden. Mit einem interdisziplinären Zugang – etwa in Kooperation mit Geriatrie, Physiotherapie und Neurologie – rückt die Branche damit in eine zentrale Rolle bei Sturzprävention und Demenzrisikomanagement.
Studie: Downey RI, Petersen BJ, Mohanathas N, Campos JL, Montero-Odasso M, Bherer L, Pichora-Fuller MK, Bray NW, Burhan AM, Camicioli R, Fraser S, Liu-Ambrose T, Lussier M, Middleton LE, Pieruccini-Faria F, Phillips NA and Li KZH (2026) The effect of hearing ability on dual-task performance following multi-domain training in older adults with mild cognitive impairment: findings from the SYNERGIC trial. Front. Aging Neurosci. 17:1716733. doi: 10.3389/fnagi.2025.1716733







