Tinnitus betrifft Millionen, gilt als schwer behandelbar und wird in der Wissenschaft chronisch unterfinanziert. Doch das ändert sich allmählich. Es gibt einige vielversprechende Forschungsansätze, die an der Tinnitus-Ursache ansetzen: im Gehirn. Und weil es nur knappe Förderungsmittel für die Forschung gibt, werden immer häufiger Betroffene aktiv.

Wer Betroffene fragt, was gegen Tinnitus hilft, erntet oft Schulterzucken: „Da kann man leider nichts machen“. Was an dieser Aussage stimmt und was nicht, hängt davon ab, wie weit man den Blick in Richtung Forschung wirft: Neben den bewährten, bedingt wirksamen Methoden gibt es durchaus vielversprechende Ansätze, an denen aktuell geforscht wird – darunter ein besonders spannendes Projekt der Universität Oxford, das ohne den gemeinnützigen Einsatz Betroffener so nicht möglich wäre.
Was ist Tinntius überhaupt? Das weiß die Wissenschaft
Heute weiß man: Tinnitus findet im Gehirn statt. Einfach erklärt: Wenn das Innenohr aufhört, bestimmte Frequenzen an das Gehirn zu liefern – weil Haarzellen beschädigt wurden –, reagiert das auditorische System mit einer Art Kompensation. Es dreht die Verstärkung hoch. Die Nervenzellen im Hörzentrum werden überaktiv und feuern Signale, ohne dass von außen etwas kommt. Das Gehirn interpretiert diese spontane Aktivität als Klang.
In der Hörakustik werden Tinnitus-Betroffenen typischerweise Hörgeräte mit Tinnitus-Maskern empfohlen – begleitend dazu: Therapieansätze, die auf der Tinnitus-Retraining Therapie (TRT) und der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) fußen. Für all diese Maßnahmen gibt es durchaus wissenschaftliche Evidenz – sie helfen jedoch oft nur bedingt.
Aktuelle Forschungsansätze: Neurostimulation gegen Tinnitus
Neue Forschungsansätze setzen an der Ursache an: Dabei konzentriert man sich zum Beispiel auf sogenannte Neurostimulationsverfahren – also Methoden, die direkt auf die überaktiven Hirnregionen einwirken.
Die bekannteste dieser Methoden ist die transkranielle Magnetstimulation (TMS). Dabei werden über eine Spule, die auf den Kopf gehalten wird, magnetische Impulse in bestimmte Hirnareale geschickt. Diese Impulse können neuronale Aktivität sowohl anregen als auch dämpfen – je nach Frequenz und Muster der Stimulation. Bei Tinnitus zielt man darauf ab, die hyperaktiven Schaltkreise im auditorischen Kortex herunterzuregeln. Die Ergebnisse sind bislang gemischt, aber es gibt Studien, die bei einem Teil der Patienten eine echte Reduktion der wahrgenommenen Tinnituslautstärke zeigen.
Parallel dazu existiert die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) sowie die transkranielle Rauschstimulation (tRNS) – letztere kombiniert schwache elektrische Ströme mit zufälligen Rauschsignalen. Der Ansatz: Gehirn und Ohr gleichzeitig ansprechen, um beide Ebenen des Problems zu adressieren.
Neuromodulation: Universität Oxford mit vielversprechender Studie
In letzter Zeit rückt jedoch ein Ansatz in den Fokus der Tinnitus-Forschung, der bereits aus anderen Bereichen der Neurowissenschaft bekannt ist: die transkranielle Ultraschallstimulation (TUS). TUS verwendet Ultraschall in sicheren, diagnostischen Intensitäten, um die Gehirnaktivität zu modulieren, ohne Gewebe zu schädigen.
Gegenüber TMS und tDCS hat sie einen entscheidenden Vorteil – eine räumliche Präzision im Millimeterbereich und die Fähigkeit, auch tiefliegende Hirnstrukturen zu erreichen, die für andere nicht-invasive Methoden schlicht unzugänglich sind.
Und genau das untersucht die bereits erwähnte Studie der Universität Oxford nun im Tinnitus-Kontext. Unter der Leitung von Professor Robin Cleveland vom Institut für Biomedizinische Technik möchte das Team herausfinden, ob TUS gezielt auf tiefe Hirnregionen einwirken kann, die an der Entstehung des Phantomgeräusches beteiligt sind.
Der Hintergrund: Es hat sich in Vergangenheit bereits gezeigt, dass ein implantierter Impulsgeber, der direkt im Gehirn sitzt, den Tinnitus reduzieren kann. Wenn sich nun zeigen sollte, dass das auch durch die nicht-invasive TUS-Therapie erreicht werden kann, wäre das ein großer Schritt, der den Weg für weitere Therapieverfahrungen ebnen würde. Weitere Infos zur Oxford-Studie gibt es hier.
Tinnitus Quest: Betroffene setzen sich für Tinnitus-Forschung ein
Eine Besonderheit: Diese Oxford-Studie, die aktuell läuft, wurde nicht durch staatliche Förderung ermöglicht, sondern durch Betroffene. Obwohl so viele Menschen unter Tinnitus leiden, werden nämlich von staatlicher Seite nur wenige Mittel zur Verfügung gestellt. Die gemeinnützige Organisation Tinnitus Quest unterstützt die Oxford-Studie daher privat mit 230.000 Dollar.
Um weitere Forschung zu ermöglichen, hat die Organisation zuletzt eine neue Förderrunde geöffnet. Diesmal wird ein besonderer Fokus auf die sogenannte Repurposing-Strategie gesetzt: Dabei werdem bestehende, bereits zugelassene Medikamente oder Geräte auf ihre Wirksamkeit gegen Tinnitus hin getestet. Das kann die Entwicklungszeit erheblich verkürzen, weil die Sicherheitsprüfungen bereits abgeschlossen sind. Außerdem schreibt Tinnitus Quest erstmals auch einen Grant für Hyperakusis aus – die Geräuschüberempfindlichkeit, die bei einem großen Teil der Tinnitus-Patienten gleichzeitig auftritt.
Forschung: Wann kann Tinnitus geheilt werden?
Die Konsequenz aus all dem ist keine kurzfristige. Aber es gibt eine mittelfristige Perspektive, die relevant ist. Erstens entwickeln sich Neurostimulationsgeräte zunehmend in Richtung Alltagstauglichkeit. Was heute noch im Labor stattfindet, könnte in einigen Jahren als Kombination aus Hörgerät und Neurostimulations-Modul auf dem Markt sein.
Zweitens ist die Rolle des Hörakustikers in der Tinnitus-Versorgung stärker als oft angenommen. Hörgeräte helfen nicht nur beim Hören – sie sind und bleiben aktuell noch für viele Tinnitus-Patienten das wirksamste verfügbare Mittel zur Linderung. Das ist durch Studiendaten belegt, unter anderem durch eine große europäische Multicenter-Studie, die 2025 im Fachjournal Ear & Hearing veröffentlicht wurde.
Und drittens: Patienten, die mit Tinnitus in die Praxis kommen, bringen oft Fragen mit, die weit über das Ohr hinausgehen. Was forscht die Wissenschaft? Was kommt vielleicht irgendwann? Ein Hörakustiker, der diese Fragen sachkundig einordnen kann, ist verlässlicher Ansprechpartner in einer Situation, in der viele Betroffene das Gefühl haben, allein gelassen zu werden.







