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Musiker unter akustischem Dauerstress: Studie zeigt hohe Prävalenz von Tinnitus, Hörverlust & Hyperakusis

Musik ist Leidenschaft, Ausdruck und Beruf – doch sie kann auch das wichtigste Werkzeug der Künstler gefährden: ihr Gehör. Ob im Orchestergraben, im Proberaum oder auf der Festivalbühne – Musiker sind regelmäßig Schallpegeln ausgesetzt, die weit über gesundheitsverträgliche Grenzen hinausgehen. Dauerhafte Lautstärke, fehlender Gehörschutz und wiederholte Belastung hinterlassen Spuren, die sich oft schleichend bemerkbar machen. Was zunächst als leichtes Klingeln im Ohr beginnt, kann sich zu ernsthaften Hörproblemen entwickeln.

Musiker unter akustischem Dauerstress: Hohe Prävalenz von Tinnitus, Hörverlust & Hyperakusis
Bild: © Rocco Dipoppa / Unsplash

Wie wir bereits berichtet haben, thematisierte ein Artikel von Rolling Stone letztes Jahr das Thema mal wieder kräftig in der Öffentlichkeit: Hörsturz, Tinnitus und dauerhafte Schwerhörigkeit gelten im Musikbusiness immer noch als unterschätztes Gesundheitsrisiko. Das Magazin führt eine Liste prominenter Musiker auf, darunter Ozzy Osbourne, Phil Collins, Campino, Brian Johnson oder Pete Townshend, die öffentlich über Hörstürze, chronischen Tinnitus oder fortschreitenden Hörverlust berichten. Diese Beispiele zeigen, dass Hörprobleme nicht nur im Hintergrund bestehen, sondern oft die Karriere und künstlerische Freiheit direkt betreffen. Besonders deutlich wird, wie wichtig Prävention, frühzeitige Aufklärung und professionelle Beratung für Musiker und Publikum sind − ein Punkt, den auch Hörakustik‑ und HNO‑Fachleute immer stärker in den Fokus rücken.

Welche Hauptgründe führen bei Musikern zu Tinnitus, Hörverlust & Hyperakusis?

Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse zeigt deutlich: Musiker leiden signifikant häufiger unter Tinnitus, Hörverlust und Hyperakusis (Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen) als Nicht-Musiker. Die Analyse, die 67 Studien mit über 28.000 Musikern aus 21 Ländern zusammenfasste, kommt zu beunruhigenden Ergebnissen:
42,6 Prozent der Musiker berichten von Tinnitus, in der Vergleichsgruppe sind es 13,2 Prozent. Hörverlust betrifft 25,7 Prozent der Musiker gegenüber 11,6 Prozent der Nicht-Musiker, und Hyperakusis tritt bei 37,3 Prozent im Vergleich zu 15,3 Prozent auf.

Spielt das Musikgenre eine Rolle, oder sind Hörprobleme bei allen Musikern gleich häufig?

Das Risiko für Hörprobleme betrifft Musiker aller Genres gleichermaßen – zwischen Klassik, Pop und Rock fanden sich keine signifikanten Unterschiede in der Häufigkeit der Symptome. Entscheidender scheinen individuelle Faktoren zu sein, etwa das gespielte Instrument, die Sitzposition im Ensemble oder Club, die Raumakustik und die Nutzung von Gehörschutz.

Professor Shaun A. Nguyen von der Medical University of South Carolina betont, dass viele Musiker „stille Leidtragende von Ohrgeräuschen, Geräuschempfindlichkeit oder Hörverlust sind – unabhängig davon, ob sie im Konzertsaal oder im Club auftreten“. Er sieht die Notwendigkeit eines personalisierten, musikerspezifischen Risikoprofils, um Prävention gezielter zu gestalten, ohne dass Musiker auf ihre Leidenschaft verzichten müssen.

Die meisten Betroffenen berichten von gelegentlichem Tinnitus (76,3 Prozent), während 15,6 Prozent unter dauerhaftem Ohrgeräusch leiden. Bei Hörverlust beruhen 63 Prozent der Fälle auf Selbstauskunft der Musiker, nur 37 Prozent sind audiometrisch bestätigt – was darauf hindeutet, dass die tatsächliche Prävalenz noch höher liegen könnte.

Viele Musiker tragen trotzdem keinen Gehörschutz

Berufs- und Freizeitsmusiker sind häufig einer dauerhaften Lärmbelastung von über 85 Dezibel ausgesetzt. Diese führt zu mechanischer Beanspruchung der Haarzellen in der Cochlea und kann oxidativen Stress, synaptische Schädigung oder Zellverlust verursachen. Dennoch nutzt weniger als die Hälfte der Musiker regelmäßig Gehörschutz. Zudem begünstigen Instrumentenpositionen teils asymmetrische Hördefizite – etwa bei Geigern, deren linkes Ohr stärker belastet ist. Pop- und Rockmusiker zeigen dagegen häufig symmetrische Hörverluste, was den Einfluss hoher Lautstärken verdeutlicht.

Prävention: Warum sind regelmäßige Hörtests für Musiker besonders wichtig?

Für Hörakustiker und HNO-Fachkräfte ergibt sich daraus ein klares Handlungsfeld: Regelmäßige Hörkontrollen, Aufklärung über sicheres Musikhören und Beratung zu instrumentenspezifischen Risiken können dazu beitragen, Hörprobleme frühzeitig zu erkennen und Schäden zu vermeiden. Die Studienautoren empfehlen, dass Otolaryngologen bei Musikern eine proaktive Rolle übernehmen, um individuelle Präventionsstrategien zu entwickeln.

Mindestens jeder dritte Musiker berichtet von Tinnitus oder Hyperakusis, etwa jeder vierte von Hörverlust. Betroffen sind Musiker aller Stilrichtungen gleichermaßen. Die Metaanalyse unterstreicht eindrücklich die Bedeutung regelmäßiger audiologischer Untersuchungen und gezielter Prävention, um die langfristige Hörgesundheit von Musikern zu sichern. Ein differenziertes Risikomanagement könnte helfen, den Spagat zwischen künstlerischem Schaffen und Gehörschutz zu meistern – ohne die Leidenschaft für Musik einzuschränken.

Studie: McCray, L.R., Ripp, A.T., Nguyen, S.A., Pelic, J.C., Labadie, R.F. and Meyer, T.A. (2026), Auditory Symptoms Among Musicians: A Systematic Review and Meta-analysis. Otolaryngol Head Neck Surg, 174: 305-316. https://doi.org/10.1002/ohn.70094