Home | Extra | Politik auf Sparkurs: Kommt die stille Rationierung bei Hörgeräten?
Extra

Politik auf Sparkurs: Kommt die stille Rationierung bei Hörgeräten?

Die Politik dreht am großen Sparrad im Gesundheitswesen, und 2026 könnte zum Jahr werden, in dem aus vagen Andeutungen konkrete Einschnitte werden. Zwischen Rekordausgaben der Kassen, milliardenschweren Defiziten und dem Ruf nach „Effizienz“ formiert sich ein Kurs, der deutlich macht: Es geht nicht mehr nur um Stellschrauben bei Verwaltung oder Digitalisierung, sondern zunehmend um das, was Patienten tatsächlich an Leistungen zu spüren bekommen. Die Vorschläge reichen von höheren Zuzahlungen über die Einschränkung der freien Arztwahl bis hin zu einer strikteren Steuerung der Versorgung über Primärärzte – ein Paradigmenwechsel, der das System von innen heraus neu ordnen könnte. Noch stehen Kliniken, Arzneimittel und ärztliche Leistungen im Rampenlicht der Diskussion, doch wer sich die Ausgabenstruktur der GKV anschaut, erkennt schnell: Auch Heilmittel und Hilfsmittel sind längst keine Randnotiz mehr, sondern ein relevanter Kostenblock – und damit automatisch Teil jeder ernsten Spardebatte.

Hilfsmittel im Visier der Sparlogik

Hörgeräte sind Hilfsmittel und fallen damit in genau jene Kategorie, die die GKV nutzt, um Behinderungen auszugleichen, Pflegebedürftigkeit zu vermeiden und Behandlungserfolge abzusichern. Die GKV gibt für Hilfsmittel inzwischen rund 11 bis 11,5 Milliarden Euro pro Jahr aus, bei insgesamt rund 23 Milliarden Euro für Heil- und Hilfsmittel zusammen – ein Betrag, der in weniger als zwei Jahrzehnten um gut 14 Milliarden Euro nach oben geschnellt ist.

In der aktuellen Debatte stehen zwar primär Apotheken, Kliniken und Kassenfinanzen im Vordergrund, etwa wenn über höhere Zuzahlungen bei Arzneimitteln, Klinikeinschnitte oder den Abbau versicherungsfremder Leistungen diskutiert wird. Doch strukturell folgen Hilfsmittel derselben Logik: Sie sind ein klar definierter, gut steuerbarer Ausgabenblock und werden über Genehmigungen, Festbeträge und Mehrkostenmechanismen reguliert – ideale Ansatzpunkte, wenn es darum geht, die berühmten „Milliardenlücken“ zu schließen.

Oliver Blatt
Quelle: GvK

In diesem Jahr werden die Einnahmen der Krankenkassen um rund 4 Prozent steigen, die Ausgaben dagegen um 6,5 Prozent. „Der Unterschied mag nicht groß erscheinen, aber dadurch entsteht ein Milliardenloch“, so Oliver Blatt Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes im Gespräch mit den Funke-Medien. Er fordert, dass die Politik endlich mit spürbaren Strukturreformen insbesondere im Krankenhaus- und Arzneimittelbereich sowie bei versicherungsfremden Leistungen vorankommt, die vorhandenen rund 320 Milliarden Euro in der GKV deutlich effizienter einsetzt und dabei ausdrücklich auf pauschale Leistungskürzungen verzichtet.

Mögliche Szenarien für die Hörakustik

Ein naheliegendes Szenario wäre eine schleichende Zuzahlungsschraube: Wenn führende Gesundheitspolitiker höhere Eigenanteile bei Medikamenten als „nachvollziehbar“ und „überfällig“ bezeichnen, ist es nur eine Frage der politischen Fantasie, ähnliche Argumentationsmuster irgendwann auch auf andere Leistungsbereiche zu übertragen.​

Hinzu kommt die Diskussion um eine stärkere Steuerung der Versorgung, etwa über ein Primärarztsystem, das als Gatekeeper die Zugänge zu Facharztleistungen bündelt und filtert. Überträgt man dieses Modell auf die Hörakustik, könnte dies bedeuten, dass der Weg zum HNO und damit zur Hilfsmittelverordnung stärker reglementiert, priorisiert oder an bestimmte Kriterien geknüpft wird – vom strengeren Indikationsnachweis bis hin zu engeren Vorgaben für Folgeversorgungen. Für Betriebe könnte sich der Markt damit weniger über Nachfrage und Empfehlungsmarketing, sondern stärker über Steuerungslogiken von Kassen, Selektivverträgen und regionalen Versorgungsmodellen entwickeln.​

Ein drittes Szenario betrifft den indirekten Druck: Steigen die Kosten in den großen Blöcken Krankenhaus, Arzneimittel und Pflege weiter, wächst auf politischer Seite der Reflex, kleinere Segmente mit zusätzlichen Effizienzanforderungen und Prüfmechanismen zu belegen. Hilfsmittel sind dafür prädestiniert, weil sich über Festbetragsanpassungen, Genehmigungsquoten, Qualitätsanforderungen und Dokumentationspflichten schnell messbare Einsparungen oder zumindest Dämpfungseffekte erzeugen lassen – auch wenn das öffentlich nicht als „Kürzung“, sondern als „Wirtschaftlichkeitsreserven“ verkauft werden könnte.

Ein weiteres, sehr konkretes Szenario erinnert stark an die Warnungen der Apothekerverbände: Wenn Zuzahlungen für Hörgeräte spürbar steigen würden, bestünde die reale Gefahr, dass Schwerhörige notwendige Versorgungen hinausschieben oder ganz vermeiden, weil die Finanzierung nicht mehr darstellbar ist. In der Folge blieben Hörminderungen länger unversorgt, soziale Rückzüge nähmen zu und es käme vermehrt zu Folgekosten, etwa durch Demenz, beschleunigte kognitive Verschlechterung bis hin zu Depressionen oder Stürzen. Vermeidbar, denn hierzu gibt es klare Evidenzen.

Kurzer Blick auf die GKV-Ausgabenstruktur

Einen Eindruck davon, wo Hilfsmittel im großen Kuchen der GKV-Ausgaben stehen, zeigt eine aktuelle Übersicht aus dem Zahlenwerk der Apothekerschaft: Demnach entfallen 7,6 Prozent der GKV-Gesamtausgaben auf Heil- und Hilfsmittel, während rund 30,6 Prozent in Krankenhäuser, 14,3 Prozent in Arzneimittel aus Apotheken und weitere größere Anteile in ärztliche Behandlung und Pflege fließen. Der Verband der Ersatzkassen beziffert die Heilmittelausgaben für 2024 auf 13,3 Milliarden Euro (4,1 Prozent der Gesamtausgaben) und die Hilfsmittelausgaben auf 11,7 Milliarden Euro (3,6 Prozent) – zusammen also ein durchaus relevanter Block, der im Schatten der großen, politisch sensiblen Bereiche wächst.​

Auch die GKV selbst bestätigt mit ihrem Mehrkostenbericht, dass die Hilfsmittelausgaben seit 2019 um 28 Prozent gestiegen sind, bei gleichzeitig rund 32 Millionen Versorgungsfällen und weiterhin fast 80 Prozent aller Versorgungen ohne Mehrkosten für die Versicherten. In einer Debatte, die sich zunehmend um „Eigenverantwortung“ und „überholte Zuzahlungsstrukturen“ dreht, ist dies eine Konstellation, die Begehrlichkeiten wecken könnte – zumal sich mit moderaten Verschiebungen bei Mehrkosten, Festbeträgen und Genehmigungen schnell fiskalische Effekte erzielen lassen.​

Leise statt laut

Unterm Strich deutet vieles darauf hin, dass die Politik sich auf einen Sparkurs eingeschossen hat, der früher oder später auch die vermeintlich kleineren Blöcke des Systems erreicht. Hilfsmittel – und damit die Hörakustik – sind zahlenmäßig längst groß genug, um ins Raster zu fallen. Doch gelten sie als unantastbare Kernleistung? Vor allem in einem System, das verzweifelt nach Einsparpotenzialen sucht?

Also raus damit: Welchen Beitrag leisten Hörsysteme zu Lebensqualität, Erwerbsfähigkeit, sozialer Teilhabe und Demenzprävention, und welche Folgekosten entstehen, wenn Versorgungslücken größer werden oder Menschen aus Kostengründen auf notwendige Hilfsmittel verzichten. Hörsysteme sind schließlich eine Investition in Gesundheit und Selbstständigkeit und eben keine „verzichtbaren Komfortleistung“.

Quellen: