Ein lästiges Pfeifen, Rauschen oder Brummen, das einfach nicht verschwinden will – Tinnitus (dauerhafte Ohrgeräusche, die ohne äußere Schallquelle entstehen) zählt zu den häufigsten und zugleich rätselhaftesten Beschwerden im HNO-Alltag. Eine aktuelle Beobachtungsstudie bringt nun neuen Schwung in die Diskussion um mögliche Risikofaktoren und lenkt den Blick auf einen alten Bekannten: Vitamin D. Laut den Forschenden könnten niedrige Vitamin-D-Spiegel nicht nur häufiger bei Tinnitus-Patienten auftreten, sondern auch mit Schweregrad und Dauer der Beschwerden zusammenhängen.

Studie zu Vitamin-D-Mangel und Tinnitus: Auffällige Unterschiede
Die Untersuchung wurde im Frontiers in Neurology veröffentlicht. Auch wenn sie keine Therapieempfehlung liefert, wirft sie ein Schlaglicht auf einen möglichen Zusammenhang, der für Hörakustiker, HNO-Ärzte und die gesamte Branche von Bedeutung ist. Die Studie unter der Leitung von Ágnes Molnár analysierte 350 Patienten mit primärem subjektivem Tinnitus (Ohrgeräusche ohne erkennbare äußere Ursache) sowie 347 Kontrollpersonen ohne Symptome.
Alle Teilnehmenden erhielten eine umfassende HNO- und audiologische Untersuchung, ergänzt durch Laborwerte, einschließlich der Bestimmung von 25‑Hydroxyvitamin D3 – das ist die im Blut messbare Speicherform von Vitamin D und der wichtigste Wert zur Beurteilung des Vitamin-D-Status.
Die Ergebnisse der Tinnitus-Studie
Die Ergebnisse sind eindeutig: Mehr als die Hälfte der Tinnitus-Patienten – genau 53,2 Prozent – wies einen Vitamin-D-Mangel auf. In der Kontrollgruppe waren es dagegen nur 31,7 Prozent. Auch der durchschnittliche Vitamin-D-Wert lag bei Tinnitus-Betroffenen deutlich niedriger. Selbst nach Berücksichtigung von Alter und Geschlecht blieb der Zusammenhang bestehen. Niedrige Vitamin-D3-Spiegel sagten das Vorhandensein von Tinnitus statistisch relevant voraus.
Besonders interessant: Ein Vitamin-D-Mangel war mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für moderat schweren bis schweren Tinnitus verbunden – gemessen am Tinnitus Handicap Inventory (ein Fragebogen, der die Belastung durch Ohrgeräusche erfasst). Auch chronischer Tinnitus (Beschwerden länger als drei Monate) trat häufiger bei Patienten mit niedrigen Werten auf.
Eine ROC-Analyse (statistische Methode, mit der geprüft wird, wie gut ein Messwert etwas vorhersagen kann) zeigte, dass der Vitamin-D-Wert mit etwa 76 Prozent Sensitivität ein Prädiktor für Tinnitus war.
Keine Zusammenhänge fanden sich dagegen zwischen dem Vitamin-D-Spiegel und der wahrgenommenen Lautstärke der Ohrgeräusche oder ihrer Seite im Ohr – was zeigt, wie komplex das Phänomen Tinnitus ist.
Vitamin D im Innenohr: Mehr als nur Knochenstoffwechsel
Vitamin D ist längst nicht mehr nur als „Knochenvitamin“ bekannt. Es spielt auch eine wichtige Rolle im Immunsystem, im Nervensystem und in der Gefäßregulation (Steuerung der Blutgefäße). Vitamin-D-Rezeptoren finden sich im ganzen Körper – auch im Gehirn und in den Strukturen des Innenohrs.
Gerade dort ist das biochemische Gleichgewicht entscheidend. Cochlea (Hörschnecke, zuständig für die Schallverarbeitung) und Vestibularorgan (Teil des Innenohrs für das Gleichgewicht) sind auf fein abgestimmte Ionen- und Flüssigkeitsverhältnisse angewiesen.
Frühere Studien haben gezeigt, dass Vitamin-D-Rezeptoren sowohl in der Hörschnecke als auch im Gleichgewichtsorgan vorkommen. Veränderungen im Vitamin-D-Stoffwechsel könnten daher die Funktion dieser empfindlichen Systeme beeinflussen.
Bekannt ist bereits der Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und sensorineuralem Hörverlust (Schwerhörigkeit durch Schädigung des Innenohrs oder Hörnervs). Auch subtile Veränderungen der cochleären Funktion – etwa verminderte otoakustische Emissionen (Schallwellen, die das Innenohr selbst erzeugt und die Rückschlüsse auf die Haarzellenfunktion erlauben) – wurden beschrieben, lange bevor ein Hörverlust messbar ist.
Im Bereich des Gleichgewichts ist die Datenlage sogar noch deutlicher: Beim benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel (kurze Schwindelattacken durch abgelöste Kristalle im Innenohr) gilt Vitamin-D-Mangel als Risikofaktor für Rückfälle. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass eine gezielte Vitamin-D-Supplementierung (Einnahme von Vitamin-D-Präparaten) die Rückfallrate senken kann. Das macht es plausibel, dass auch Tinnitus Teil eines größeren Zusammenspiels zwischen Stoffwechsel, Nerven- und Gleichgewichtssystem sein könnte.
Wie könnte Vitamin-D-Mangel Tinnitus begünstigen?
Ein direkter Ursache-Wirkungs-Nachweis fehlt bislang, doch die Autoren nennen mehrere mögliche biologische Erklärungen. Vitamin D beeinflusst neuroinflammatorische Prozesse (Entzündungen im Nervensystem), den Kalziumstoffwechsel und neurotrophe Faktoren (Eiweiße, die Nervenzellen schützen und ihr Wachstum fördern).
Heute gilt Tinnitus nicht mehr nur als Problem des Ohrs, sondern als zentrale Verarbeitungsstörung im Gehirn. Dabei spielen Phänomene wie neuronaler Gain (verstärkte Signalverarbeitung im Gehirn) und maladaptive Plastizität (ungünstige Anpassung neuronaler Netzwerke) eine Rolle. Ein Vitamin-D-Mangel könnte solche Prozesse verstärken – sei es über das Innenohr, den Hörnerv oder die zentralen Hörbahnen.
Auch Einflüsse auf Immunsystem und Mikrozirkulation (Blutfluss in kleinsten Gefäßen) werden diskutiert. Da Tinnitus oft mit Entzündungen und Durchblutungsstörungen in Verbindung gebracht wird, erscheint Vitamin D als möglicher Mitfaktor durchaus denkbar – bewiesen ist das bisher aber nicht.
Klinische Relevanz und Grenzen der Studie
Die Forschenden mahnen zur Vorsicht: Als Beobachtungsstudie (eine Studie, die nur Zusammenhänge erfasst, aber keine Ursachen beweist) erlaubt die Untersuchung keine Aussagen über Ursache und Wirkung. Unklar bleibt, ob ein Vitamin-D-Mangel Tinnitus begünstigt, ob Tinnitusbedingte Lebensumstände (z. B. weniger Sonne, schlechter Schlaf) den Vitamin-D-Spiegel senken oder ob andere Einflüsse beide Phänomene erklären. Zudem fehlen Angaben zu Sonnenexposition, Jahreszeit, Ernährung, Nahrungsergänzungsmitteln und psychischen Begleiterkrankungen – all das kann sowohl den Vitamin-D-Spiegel als auch die Wahrnehmung von Tinnitus beeinflussen.
Trotzdem liefert die Studie einen wichtigen Impuls: Sie stützt die Idee, dass auch Stoffwechsel- und Nervenfaktoren eine größere Rolle bei Tinnitus spielen könnten, als bisher angenommen. Für die Zukunft sind randomisierte Studien (Studien mit zufälliger Gruppeneinteilung) nötig, um zu prüfen, ob eine Vitamin-D-Supplementierung tatsächlich helfen kann.
Kein Wundermittel, aber ein spannender Denkansatz
Vitamin D wird den Tinnitus nicht über Nacht zum Schweigen bringen – dafür ist das Krankheitsbild zu komplex und individuell. Doch die neue Studie zeigt eindrucksvoll, dass das Ohr nicht isoliert betrachtet werden sollte. Stoffwechsel, Immunsystem und Nervensystem greifen ineinander – möglicherweise enger, als bisher angenommen.
Tinnitus bleibt ein interdisziplinäres Thema. Der Blick über den audiologischen Tellerrand lohnt sich. Vitamin D ist zwar kein Heilmittel, aber ein weiterer wichtiger Puzzlestein in einem Krankheitsbild, das langsam, aber stetig klarere Konturen gewinnt.
Studie: Molnár, András et al. (2026): Levels of 25-hydroxyvitamin D3 in individuals with primary subjective tinnitus and their associations with tinnitus occurrence and severity. Frontiers in Neurology.







