Was in der Hörakustik mit dem Cochlea-Implantat längst Versorgungsrealität ist, könnte bald auch in der Augenoptik gelingen: ein technologischer Eingriff, der ausgefallene Sinneszellen nicht nur überbrückt, sondern funktionell ersetzt. Das subretinale PRIMA-System soll bei fortgeschrittener trockener altersbedingter Makuladegeneration (AMD) zentrale Sehfunktionen teilweise wiederherstellen – und damit ein neues Kapitel der Sinnesrehabilitation aufschlagen.

AMD als wachsende Volkskrankheit
Die altersbedingte Makuladegeneration gilt weltweit als häufigste Ursache für den dauerhaften Verlust zentraler Sehschärfe im höheren Lebensalter. In Deutschland sind etwa sieben Millionen Menschen betroffen — Tendenz steigend. Bei der trockenen Form der Erkrankung degenerieren die hochspezialisierten Fotorezeptoren der Makula schrittweise, bis im Zentrum des Gesichtsfeldes ein dunkler Fleck entsteht. Lesen, Gesichter erkennen oder Autofahren werden unmöglich, während das periphere Sehen meist erhalten bleibt.
Bislang konnten Medikamente den Verlauf nur bremsen, nicht jedoch verlorene Sehschärfe zurückbringen. Genau hier setzt das neue Implantat an.

Subretinaler Mikrochip ersetzt Fotorezeptoren
Das ursprünglich von Pixium Vision entwickelte und heute von Science Corporation weitergeführte PRIMA-System basiert auf einem winzigen Mikrochip von 2 × 2 mm Größe und 30 µm Dicke. Seine 378 Elektroden wandeln Infrarotlichtimpulse in elektrische Reize um, die die verbliebenen Netzhautzellen anregen. Eine Spezialbrille mit integrierter Kamera und externer Mini-Computertechnik wandelt die Umgebung in kontrastverstärkte Infrarotmuster um, die direkt auf den Chip projiziert werden.
Der Patient sieht kein natürliches Bild, sondern ein technisch erzeugtes Schwarz-Weiß-Muster mit hohem Kontrast — ähnlich wie frühe Cochlea-Implantat-Träger zunächst ein unnatürliches Klangbild wahrnahmen. Doch auch das genügt, um Buchstaben, Formen oder Gesichter wieder zu erkennen.
Studienlage und klinische Ergebnisse
In der multizentrischen PRIMAvera-Studie, an der 38 Patienten in fünf Ländern teilnahmen, erreichten rund 80 % der Probanden eine Sehverbesserung von mindestens 0,2 logMAR – etwa zehn Buchstaben auf der ETDRS-Sehtafel. Das periphere Restsehen blieb stabil. Die meisten Komplikationen traten in den ersten acht Wochen auf und bildeten sich innerhalb von zwei Monaten zurück.
Studienleiter Prof. Frank Holz (Universitätsklinikum Bonn) bezeichnete die Ergebnisse als Meilenstein: Erstmals lasse sich bei geographischer Atrophie zentrale Sehfunktion partiell wiederherstellen – ein Paradigmenwechsel in der AMD-Therapie.

Sehtraining und Neuroadaption
Der operative Eingriff ist nur der erste Schritt. Um das künstliche Bild mit den natürlichen Sehimpulsen zu verknüpfen, ist intensives Training über mehrere Monate erforderlich. Patienten lernen, Kontraste und Bewegungen zu interpretieren und das Gerät individuell anzupassen. Wie in der Hörrehabilitation gilt auch hier: Der Erfolg entsteht im Zusammenspiel von Technik, Therapie und Motivation.
Ein unabhängiges Expertengremium hat sich bereits für die Marktzulassung in Europa ausgesprochen. Parallel optimieren die Entwickler Bildverarbeitung und Tragekomfort. Sollte sich das System im klinischen Alltag bewähren, könnte das PRIMA-Implantat die Therapie der trockenen AMD grundlegend verändern – ein technologischer Wendepunkt für die Augenoptik und möglicherweise der „Cochlea-Moment“ des Sehens.
Zur Studie: Frank G. Holz et al.: Subretinal Photovoltaic Implant to Restore Vision in Geographic Atrophy Due to AMD, in: New England Journal of Medicine, 2025, DOI: https://doi.org/10.1056/NEJMoa2501396







