Dass bei einem Konzern wie Sonova mit seinen aktuell 18.000 Mitarbeitern und 3.600 Stores durchaus auch genauer auf den Jahresgeschäftsbericht geschaut werden darf und sollte, steht außer Frage – viel ist im letzten Jahr passiert und versprochen worden. Die Historie ist also mindestens genauso entscheidend, ebenso wie die Verlautbarungen und am Ende natürlich auch das Ergebnis. Vor einem dreiviertel Jahr übernahm Eric Bernard, der von WS Audiology nach Stäfa wechselte, offiziell die Spitze des Unternehmens von Arnd Kaldowski. Es folgte die Ankündigung des geplanten Ausstiegs bei Sennheiser. Fokussieren wolle man sich damit, auf das Hörgerätegeschäft und Cochlea Implantate, und auf ein ambitioniertes Ziel: Bis zum Geschäftsjahr 2030/31 will Sonova einen Umsatz von 6 Milliarden Schweizer Franken erreichen. Und ob sich der Weg dahin schon abzeichnet, haben wir mal versucht einzuordnen – getreu dem Motto: Lesen und verstehen.

Sonova 2025/ 2026: Reaktionen von Analysten und Investoren
Bei Sonova immer wichtig: Für die operative Beurteilung zählen die Zahlen in Lokalwährung, da sie die echte Wachstumskraft und Wettbewerbsfähigkeit auf den globalen Märkten ohne verzerrende Wechselkurseffekte zeigen. Für Anleger und die Dividende ist am Ende jedoch die Berichtswährung in Schweizer Franken (CHF) entscheidend, weil sie die sprichwörtlich nackte finanzielle Realität abbildet, also die, die tatsächlich im Unternehmen ankommt. Daher verwundert es nicht, dass die Reaktionen von Analysten und Märkten immer wieder unterschiedlich ausfallen. Ein wichtiger Aspekt sind außerdem die Ziele, die ein Unternehmen während des Geschäftsjahres ausruft, meist um die Veröffentlichung der Quartalsberichte.
Detaillierte Marktanalysen von Cash.ch und Simply Wall St verdeutlichen das Spannungsfeld: Trotz einer vorgeschlagenen Rekorddividende geriet die Nettomarge zuletzt leicht unter Druck, und auch das Ergebnis je Aktie (EPS) blieb hinter den Erwartungen zurück. Während Experten das beschleunigte Wachstum im Kernbereich der Hörgeräte loben, identifizieren Analysen wie die von Goldesel Research das Segment der Cochlea-Implantate – insbesondere aufgrund einer Nachfrageschwäche in China – als klaren Risikofaktor. Strategisch blicken Marktbeobachter nun vor allem auf den angekündigten Verkauf der Consumer-Hearing-Sparte aka Sennheiser, der von Brancheninsidern als notwendiger Befreiungsschlag gewertet wird, um den Fokus wieder voll auf das hochprofitable Medizintechnik-Kerngeschäft zu richten.
Sonova Annual Report 2025/26 – die Zahlen
Sonova hat im Geschäftsjahr 2025/26 beim Umsatz leicht zugelegt und zugleich die Profitabilität spürbar verbessert. Der Gruppenumsatz lag bei 3,61 Mrd. CHF und damit 0,2 Prozent unter dem Vorjahr in Berichtswährung, aber 5,9 Prozent höher in Lokalwährungen. Der Bruttogewinn erreichte 2,66 Mrd. CHF nach 2,68 Mrd. CHF im Vorjahr, was einem Rückgang von 1,0 Prozent in Berichtswährung, aber einem Plus von 5,8 Prozent in Lokalwährungen entspricht. Das EBITA belief sich auf 724,2 Mio. CHF nach 768,3 Mio. CHF im Vorjahr, also minus 5,8 Prozent in Berichtswährung und plus 7,7 Prozent in Lokalwährungen. Beim Ergebnis je Aktie kam Sonova auf 10,42 CHF nach 10,43 CHF; das entspricht einer Veränderung von minus 0,1 Prozent in Berichtswährung und plus 16 Prozent in Lokalwährungen.

Profitabilität deutlich verbessert
Die eigentliche Botschaft des Berichts liegt jedoch in der verbesserten Profitabilität. Die Mitteilung nach konnte Sonova die operative Effizienz spürbar steigern, während Sonderkosten aus Rechtsstreitigkeiten, Rückstellungen, Software-Abschreibungen und Steueranpassungen im berichteten Ergebnis für Verzerrungen sorgten. Auf normalisierter Basis legte das Ergebnis deutlich stärker zu als die berichteten Zahlen vermuten lassen, und die Marge verbesserte sich entsprechend klar.
Hörsysteme als Wachstumstreiber: Klassisch & im Retail
Zur Einordnung vorab: Das Hearing Instruments-Segment ist das übergeordnete Geschäftsfeld, und darin gibt es den Wholesale-Bereich für den Verkauf über den Fachhandel sowie den Retail-Bereich für den Direktverkauf an Endkunden.
Das Segment Hearing Instruments blieb der klare Wachstumsmotor (3,35 Mrd. CHF, ein Plus von 7,5 %). Die Verkäufe stiegen in Lokalwährungen also kräftig, und die Dynamik nahm in der zweiten Jahreshälfte weiter zu. Im Wholesale-Geschäft, also den Vertrieb über den klassischen Hörakustik-Fachhandel und andere B2B-Partner, stieg der Umsatz auf 1,86 Mrd. CHF und legte in Lokalwährungen um 9,5 Prozent zu, getragen von der starken Nachfrage nach Infinio Ultra, das auf den Erfolgen von Infinio und Infinio Sphere sowie Virto R Infinio aufbaute. Dadurch gewann das Geschäft weltweit spürbar Marktanteile hinzu und erzielte in der zweiten Jahreshälfte sogar ein zweistelliges Wachstum. Auch das eigene Retail-Geschäft entwickelte sich mit 1,49 Mrd. CHF Umsatz und einem Plus von 5,1 Prozent in Lokalwährungen solide; organisch betrug das Wachstum 3,8 Prozent, während gezielte Investitionen in Lead-Generierung die Entwicklung über dem Markt stützten und Akquisitionen vor allem in Deutschland, Australien und Kanada zusätzlich 1,3 Prozent beitrugen.
Advanced Bionics bleibt schwierig
Anders sieht es bei Advanced Bionics (AB) aus. Die Geschäftseinheit kämpfte weiter mit Gegenwind, vor allem in China und durch Wettbewerbsdruck in den entwickelten Märkten. Sonova beschreibt das Segment weiterhin als anspruchsvoll, auch wenn sich einzelne Teilmärkte stabiler gezeigt haben.
Nicht-GAAP zeigt die wahre Belastung
Nicht-GAAP bedeutet auf Deutsch sinngemäß „nicht nach den allgemein anerkannten Rechnungslegungsgrundsätzen bereinigt“. Gemeint sind Kennzahlen, bei denen Sonova bestimmte Sondereffekte herausrechnet, um die operative Entwicklung besser sichtbar zu machen. Dazu zählen vor allem F&E-, Vertriebs- und Verwaltungskosten sowie Rechts-, Restrukturierungs- und Softwareeffekte, die im Berichtsjahr das Bild verzerren können. Im Vergleich zum Vorjahr zeigen diese bereinigten Zahlen ein deutlich freundlicheres Bild: Die operative Entwicklung fiel klar besser aus als die berichteten Werte vermuten lassen.
Besonders relevant sind vier Positionen: F&E blieb mit 217,7 Mio. CHF relativ stabil und stieg in Lokalwährungen leicht, Sales and marketing sank nach Normalisierung auf 1,29 Mrd. CHF und damit unter Vorjahr, Administration lag bei 343,6 Mio. CHF und damit deutlich unter dem berichteten Vorjahreswert, und die sonstigen Sonderkosten aus Legal, Legacy und Software belasteten das Ergebnis massiv. Genau diese Entlastung auf normalisierter Basis erklärt, warum die operative Marge trotz berichteter Rückgänge klar verbessert werden konnte.
Wie lief es für Sonova in Deutschland?
Im Bericht selbst gibt Sonova keine eigenen Deutschland-Kennzahlen aus, erwähnt Deutschland aber als Teil des EMEA-Marktes, also mehrfach eher im qualitativen Kontext: Das Hörsystemgeschäft in Deutschland und Italien verlief eher schwächer, während das Wachstum in EMEA unter anderem durch Akquisitionen, insbesondere in Deutschland und Frankreich, gestützt wurde. Ableiten ließe sich daraus, dass Deutschland für Sonova ein wichtiger Markt bleibt, aktuell aber eher verhalten beschrieben wird als ein klarer Wachstumstreiber.
Ausblick auf 2026/27
Für das Geschäftsjahr 2026/27 gibt sich Sonova zuversichtlich. Der Konzern erwartet eine schrittweise Markterholung und rechnet für den Gesamtmarkt mit einem Wachstum von 2 bis 4 Prozent. Im Wholesale-Geschäft will Sonova weiter besser als der Markt abschneiden, gestützt auf neue Produktgenerationen und die eigene Stärke bei KI-gestützter Hörleistung. Im Retail-Bereich erwartet das Unternehmen robustes organisches Wachstum, ergänzt durch weitere Zukäufe und eine schnellere Expansion des Filialnetzes.
Im Cochlea-Geschäft bleibt die Lage zunächst anspruchsvoll, allerdings rechnet Sonova mit einer Belebung im zweiten Halbjahr nach dem geplanten Start eines neuen Soundprozessors, sofern die regulatorische Freigabe kommt. Für 2026/27 stellt der Konzern bei konstanten Wechselkursen ein Umsatzplus von 5 bis 8 Prozent und ein Wachstum des Core EBIT von 7 bis 10 Prozent in Aussicht. Der Bericht zeichnet damit ein Bild von einem Unternehmen, das operativ selbstbewusster geworden ist, zugleich aber in einzelnen Sparten weiter mit strukturellem Gegenwind kämpfen muss.
Sonova liefert also operativ ein solides Bild: mehr Tempo im Hörsystemgeschäft, klar verbesserte Profitabilität und ein ordentlicher Ausblick für 2026/27. Zugleich bleiben Advanced Bionics, Währungseffekte und einzelne (vergleichsweise) Marktschwächen die Bremsklötze, die das Gesamtbild etwas dämpfen.




