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Lübeck forscht an realistischeren Hörtests im Labor: Darum geht’s beim AHEVA-Projekt

Wie gut verstehen Menschen mit Hörgerät Sprache im echten Leben? Diese Frage klingt simpel, ist in der audiologischen Praxis aber überraschend schwer eindeutig zu beantworten. Denn während die klassischen Sprachtests im Labor zwar gut kontrollierbar sind, sind sie oft wenig alltagsnah. Feldstudien im Alltag wiederum bilden reale Hörsituationen ab, lassen sich jedoch nur eingeschränkt standardisieren und vergleichen. Genau an dieser Stelle setzt das Forschungsprojekt „Alltagsnahe Hörgeräteevaluation mittels virtueller Akustik“ (AHEVA) der Technischen Hochschule Lübeck an.

Lübeck forscht an realistischeren Hörtests im Labor Darum geht’s beim AHEVA-Projekt
Sphärischer Multikanal-Lautsprecheraufbau im reflexionsarmen Raum der Technischen Hochschule Lübeck. Bild: Fabian Hettler/TH Lübeck

Sprachverstehen unter alltagsnahen Bedinungen testen

Im Zentrum des Projekts steht der Versuch, diese beiden Welten zusammenzubringen. Statt isolierter Wörter oder künstlicher Testsätze werden realistische Gesprächssituationen in simulierten Alltagsumgebungen genutzt. Statt abstrakten Szenarien werden Cafeteria, Bahnsteig, Großraumbüro oder Konzertsaal akustisch detailliert nachgebildet. Sogar Sprache und räumliche Effekte werden dabei berücksichtigt. Möglich wird das durch ein komplexes 3D-Lautsprechersystem in einem akustisch kontrollierten Raum.

Ein entscheidender Schritt liegt dabei in der Art der Sprachdarstellung. Statt klassischer Sprachaufnahmen werden in dem Projekt auch synthetisch erzeugte Sprachinhalte eingesetzt, die mithilfe von KI generiert werden. Diese lassen sich flexibel in die Szenen einbetten und erreichen inzwischen eine Qualität, die von natürlichen Aufnahmen kaum noch zu unterscheiden ist. Dadurch wird es möglich, Gesprächssituationen sehr genau zu steuern, ohne die Natürlichkeit der Szene zu verlieren.

Gemessen wird in diesen Szenarien nicht einfach das reine „Hören“, sondern das Sprachverstehen im Kontext. Dabei spielen nicht einzelne Laute oder Wörter die Hauptrolle, sondern sogenannte Schlüsselinformationen innerhalb eines Dialogs. So entsteht ein Messansatz, der näher an realen Kommunikationssituationen liegt als herkömmliche Testverfahren.

Was bringt das AHEVA-Projekt für den Alltag im Hörakustik-Fachgeschäft?

Wicht zu erwähnen: Für Hörakustiker selbst ergibt sich daraus kein neues Tool in der Anpasskabine, sondern ein indirekter, aber potenziell großer Nutzen. Wenn solche Testverfahren sich etablieren, werden sie voraussichtlich in die Entwicklung und Bewertung von Hörsystemen einfließen.

Moderne High-End-Hörsysteme passen ihre Signalverarbeitung dynamisch an die Umgebung an, etwa durch Richtmikrofone oder adaptive Störlärmunterdrückung. Diese Funktionen lassen sich in klassischen Labortests nur eingeschränkt bewerten, da die akustische Realität dort oft zu stark vereinfacht ist. AHEVA versucht genau diese Dynamik sichtbar und messbar zu machen.

Außerdem entsteht durch die Standardisierung realitätsnaher Hörszenen eine neue Vergleichsbasis für Hörgeräte. Wenn Sprachverstehen nicht mehr nur unter idealisierten Bedingungen, sondern in definierten Alltagssituationen gemessen wird, lassen sich Unterschiede zwischen Geräten, Technologien und Einstellungen deutlich klarer herausarbeiten. Für Forschung, Entwicklung und auch regulatorische Prüfverfahren kann das langfristig eine wichtige Rolle spielen.

Das bedeutet, dass Hersteller künftig stärker auf realitätsnahe Leistungsdaten zurückgreifen können. Diese Informationen können wiederum in Anpasssoftware, Produktvergleichen oder Beratungssituationen einfließen. Die eigentliche Wirkung entsteht also nicht im Fachgeschäft, sondern vorgelagert in der Entwicklung und Validierung der Systeme, die sie später einsetzen.

Nutzen für Hörgeräteträger

Für Endkunden liegt der Nutzen letztlich in einer verbesserten Versorgung. Wenn Hörgeräte unter realistischeren Bedingungen getestet und optimiert werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch im Alltag – etwa im Restaurant, im Straßenverkehr oder in Gruppengesprächen – zuverlässiger funktionieren. Gleichzeitig könnten Erwartungen besser kalibriert werden, weil Leistungsunterschiede zwischen Geräten nachvollziehbarer und situationsbezogener beschrieben werden können.

Das AHEVA-Projekt ist damit weniger als direktes Praxiswerkzeug zu verstehen, sondern als methodischer Schritt in der Weiterentwicklung audiologischer Testverfahren. Es verschiebt den Fokus von vereinfachten Laborsituationen hin zu kontrolliert simulierten Alltagsbedingungen, ohne dabei die wissenschaftliche Reproduzierbarkeit aufzugeben.

Mehr über dieses Projekt: https://www.th-luebeck.de/forschung-und-transfer/forschung/projekte/aheva/uebersicht/